Bewerbung mit KI: von der Zielklarheit bis zum Vorstellungsgespräch
Das Anschreiben von der KI schreiben lassen — das ist der kleinste Teil. Barbara Häusler dreht die Reihenfolge einfach um: erst Klarheit über das eigene Ziel, dann zwei bis drei Zielberufe, und ganz zum Schluss die Unterlagen. Ihr Satz dazu: Die KI kann dich bei fast allem unterstützen, nur nicht dabei herauszufinden, was du wirklich willst.

Warum die Unterlagen nicht der erste Schritt sind
Der klassische Weg geht so: Man braucht einen Job, schaut in die Stellenbörse, bewirbt sich auf vieles gleichzeitig. Häusler nennt das den Blick aus dem Mangel heraus. Hoher Aufwand für die Unterlagen, wenig Zielklarheit, und dazu diese Unsicherheit, die einen bei jeder Absage an sich selbst zweifeln lässt. Die Karriereentwicklung passiert dabei eher zufällig — man bewirbt sich aus dem Lebenslauf heraus auf das, was man ohnehin schon gemacht hat.
Ihr Gegenvorschlag ist ziemlich unbequem, weil er länger dauert: Hör auf, Zeit auf Stellenbörsen zu verschwenden, solange du nicht weißt, wohin du eigentlich willst. Sie vergleicht das mit einer Urlaubsbuchung. Da prüfen wir Termine, Airline, Hotel, Programm, ganz genau, mit klaren Kriterien. Bei der eigenen Karriere machen die wenigsten das. Genau da setzt sie an.
Wer stattdessen zwei bis drei Zielberufe oder Zieltätigkeiten festlegt und nur dort sucht, bewirbt sich am Ende flächendeckend statt stichpunktartig — und hat laut Häusler oft mehrere Angebote zur Auswahl, statt froh sein zu müssen über das eine, das kommt.
Der Drei-Schritte-Prozess: reflektieren, neu gestalten, umsetzen
Häuslers Prozess ist an Design Thinking angelehnt und arbeitet iterativ. Sie beschreibt das als Zwiebel, die man Schicht für Schicht schält, bis man in der Mitte bei dem ankommt, was sie die Essenz nennt: der Bereich, in dem jemand wirklich gut ist und gern arbeitet. Entwickelt hat sie ihn an sich selbst, als sie mit 38 aus zwölf Jahren Messeprojektleitung ausstieg und merkte, dass sie gar nicht wusste, was sie eigentlich will.
- Reflektieren und analysieren: Standortbestimmung: Was kannst du gut, was macht dir Spaß, was sind deine Werte und Rahmenbedingungen? Häusler empfiehlt dafür ausdrücklich einen anderen Ort als das eigene Zuhause — die Perspektive ändert sich mit der Umgebung.
- Neu gestalten: Jetzt kommen Arbeitsmärkte, Stellenbörsen und Trends dazu: Matching von Aufgaben und Kompetenzen, und daraus abgeleitet der fachliche wie persönliche Weiterbildungsbedarf.
- Umsetzen: Erst hier beginnt der eigentliche Bewerbungsprozess — mit Unterlagen, Zielfirmenliste und Gesprächsvorbereitung. Und genau hier nimmt die KI am meisten Arbeit ab.
Den Anlass für diese Reihenfolge liefert für Häusler die Arbeitsmarktlage selbst. Sie zitiert Zahlen des McKinsey Global Institute von 2024, nach denen allein in Europa bis 2030 rund 12 Millionen berufliche Veränderungen nötig werden, sowie eine Prognose des World Economic Forum aus 2025: 170 Millionen neue Arbeitsplätze in fünf Jahren, bei 92 Millionen wegfallenden. Eine ebenfalls von ihr angeführte Erhebung einer großen Personalberatung aus 2024 führt knapp 30 Prozent aller Kündigungen darauf zurück, dass Mitarbeitende nicht über die passenden Kompetenzen verfügen.

Wo die KI im Bewerbungsprozess wirklich hilft
In der Umsetzungsphase ist man laut Häusler zügig im Bewerbungsprozess drin — und da kann die KI an mehreren Stellen ansetzen. Sie ist dabei ehrlich, was den Umfang angeht: Das Anschreiben ist eine Aufgabe unter mehreren, nicht die Hauptsache.
- Unterlagen anpassen: Die KI passt bestehende Bewerbungsunterlagen an eine konkrete Stelle an und formuliert Anschreiben. In den Bezahlversionen der gängigen Chatbots gibt es dafür inzwischen eigene Bewerbungs-Assistenten.
- Branchen- und Zielfirmenrecherche: Mit den Agentenfunktionen lässt sich sehr konkret recherchieren, welche Unternehmen für die eigenen zwei bis drei Zielberufe überhaupt infrage kommen — die Grundlage für Häuslers Zielfirmenliste.
- Weiterbildungen finden: Häusler rät, die KI direkt zu fragen, wo es für die eigene Branche und Tätigkeit Weiterbildungen gibt. Das Angebot sei immens, vieles davon günstig oder kostenlos.
- Gespräche vor- und nachbereiten: Der aus ihrer Sicht stärkste Hebel: das Vorstellungsgespräch mit der KI simulieren, statt es beim ersten echten Termin zum ersten Mal zu üben.
Was die KI nicht kann, benennt sie genauso klar: die eigenen Ziele definieren. Das bleibt Handarbeit — und ist aus ihrer Sicht auch gut so, weil genau das den Unterschied zwischen einer austauschbaren und einer passenden Bewerbung ausmacht. Wie Unternehmerinnen und Unternehmer sich Schritt für Schritt an solche KI-Werkzeuge herantasten, zeigt die KI-Weiterbildung der OGcon.
Das Vorstellungsgespräch mit KI simulieren
In ihrem Vortrag führt Barbara Häusler das live vor. Sie lässt sich von der KI eine Frage stellen, antwortet selbst — und lässt die Antwort anschließend verbessern. Auf die Frage, warum sie ihre letzte Stelle ohne neue Anstellung verlassen hat, antwortet sie bewusst so, wie man es im echten Gespräch besser nicht täte: Der Arbeitsbereich habe sich verändert, sie sei unzufrieden gewesen, und mit dem Vorgesetzten sei es nicht ganz einfach gewesen.
Interessant ist, was die KI daraus macht. Die Spitze gegen die alte Führungskraft greift sie überhaupt nicht auf. Sie formuliert sachlich positiv um: Der Aufgabenbereich habe sich verändert, die eigenen Stärken kämen woanders besser zur Geltung, und die Entscheidung sei wohlüberlegt getroffen worden. Aus dieser Beobachtung leitet Häusler ihren Ratschlag ab.
Nenne im Vorstellungsgespräch immer formelle Gründe für einen Wechsel — Umstrukturierung, veränderte Aufgaben, zu viel Routine. Keine guten Gründe sind Aussagen über das Unternehmen, eine Führungskraft oder Kolleginnen und Kollegen. Sachlich positiv bleiben, immer.
Der praktische Wert liegt in der Wiederholung: Ein komplettes Jobinterview lässt sich durchspielen, die eigenen Antworten laut geben und direkt verfeinern. Wer das ein paarmal gemacht hat, geht deutlich vorbereiteter in den echten Termin.
Der Reflexions-Prompt aus dem Vortrag
Für die Standortbestimmung gibt Häusler einen Prompt mit, der besonders gut funktioniert, wenn die Memory-Funktion aktiviert ist — die KI also schon eine Weile mit den eigenen Fragen und Gedankengängen gearbeitet hat. Ohne diese Vorgeschichte, sagt sie, kann man auch keine Ergebnisse herausziehen.
„Analysiere bitte kritisch meine Persönlichkeit, stelle mir Fragen zu meinem Denken, Handeln und meinen Gewohnheiten. Erkenne Muster, die mich erfolgreich machen, aber auch solche, die mich blockieren. Sag mir klar, wo ich mir selbst im Weg stehe. Erkläre mir, warum ich dadurch meine Ziele schwerer erreiche, und gib mir anschließend eine ehrliche, kompakte Einschätzung über meine Stärken und Schwächen sowie drei konkrete Verbesserungsvorschläge.“
Sie hat den Prompt an sich selbst ausprobiert. Die Rückmeldung: Sie denke manchmal zu kompliziert und halte sich an Nebenbaustellen auf. Ihr Umgang damit ist bemerkenswert unaufgeregt — bei Rückmeldungen sei immer die Frage, wer sie äußert und ob man sie annehmen möchte. Sie nennt so etwas lieber Lernfeld als Kritik, und dann kann man entscheiden, ob man seine Energie dort hineinsteckt oder woanders. Wer allgemein besser mit solchen Eingaben umgehen will, findet die Grundlagen im Beitrag Richtig prompten.
Fazit: Zielklarheit zuerst, KI danach
Häuslers Leitmotiv stammt vom Zukunftsforscher Richard Baldwin, und sie stellt es ihrem Vortrag voran: Nicht die KI wird dich ersetzen, sondern der Mensch, der KI besser nutzt als du. Für die Bewerbung heißt das nicht, möglichst schnell ein KI-generiertes Anschreiben zu verschicken. Es heißt, den Prozess davor ernst zu nehmen und die KI dann dort einzusetzen, wo sie tatsächlich Arbeit abnimmt — bei Recherche, Unterlagen und Gesprächsvorbereitung.
Ihr Appell zum Schluss ist einfach: Sei kein Jobhugger. Wer am alten Arbeitsplatz festhält, obwohl längst keine Entwicklung mehr möglich ist, macht die Augen zu und hofft, dass es an ihm vorbeigeht. Das wird es aus ihrer Sicht nicht.

Häufige Fragen
Kann KI ein Bewerbungsanschreiben schreiben?+
Ja. KI kann bestehende Bewerbungsunterlagen an eine konkrete Stelle anpassen und Anschreiben formulieren; die Bezahlversionen der gängigen Chatbots bieten dafür eigene Bewerbungs-Assistenten. Laut Karrierecoach Barbara Häusler ist das aber der letzte Schritt – davor sollten Zielklarheit und zwei bis drei konkrete Zielberufe stehen.
Was sollte man klären, bevor man das Anschreiben schreibt?+
Die eigenen Ziele, Stärken und Rahmenbedingungen. Barbara Häusler empfiehlt eine Standortbestimmung (reflektieren und analysieren), danach den Abgleich mit Arbeitsmarkt und Weiterbildungsbedarf (neu gestalten) und erst dann die Bewerbung selbst (umsetzen).
Wie übt man ein Vorstellungsgespräch mit KI?+
Man lässt die KI die Rolle des Interviewers übernehmen, beantwortet ihre Fragen selbst und lässt die eigene Antwort anschließend verbessern. So lässt sich ein komplettes Jobinterview mehrfach durchspielen, bevor der echte Termin ansteht.
Welche Gründe nennt man im Vorstellungsgespräch für einen Stellenwechsel?+
Formelle Gründe wie Umstrukturierung, veränderte Aufgaben oder zu viel Routine. Nicht empfehlenswert sind negative Aussagen über das frühere Unternehmen, Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen – die Antwort sollte sachlich positiv bleiben.
Kann KI einen Karriereberater ersetzen?+
Bei Recherche, Unterlagen und Gesprächsvorbereitung nimmt KI viel Arbeit ab. Beim Herausfinden der eigenen beruflichen Ziele nicht: Diese Definition bleibt laut Barbara Häusler Aufgabe des Menschen, und für Motivation und neue Routinen ist oft ein menschliches Gegenüber nötig.
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