KI-Berater werden: der Weg in die Selbstständigkeit
KI-Berater wirst du nicht dadurch, dass du 500 Tools kennst. Sondern dadurch — und das ist der springende Punkt —, dass du ein Problem löst, das eine Zielgruppe mit Kaufkraft wirklich drückt. Positionierung zuerst, Nische zuerst. Garrit Wilson hat genau diesen Weg 2022 aus dem Angestelltenverhältnis heraus genommen.

Was KI-Berater eigentlich verkaufen
Tools müssen wir vergessen. So knapp formuliert Garrit Wilson auf der OGcon 2025 die Ebene, auf der Beratung überhaupt erst Geld wert ist. Nicht 1001 ChatGPT-Tipps, nicht die zehntausend besten Prompt-Vorlagen für 27,99 Euro — das sei alles Oberflächengewäsch, sagt er, und ehrlicherweise ziemlich direkt. Echter Mehrwert entstehe eine Ebene darüber: bei Daten und Prozessen, beim Identifizieren der richtigen Anwendungsfälle, bei der Automatisierung ganzer Abläufe. Dafür zahlen Kunden wirklich gut.
Sein Dreischritt dahin klingt simpel, ist aber die ganze Arbeit: KI in der Tiefe meistern, damit ein relevantes Problem lösen, diese Problemlösung monetarisieren. Welches Geschäftsmodell am Ende darüber liegt — Beratung, Schulung oder Umsetzung als Dienstleister — ist eine eigene Frage, die wir in Geschäftsmodelle, um mit KI Geld zu verdienen mit Preisspannen und Vor- und Nachteilen aufgeschlüsselt haben. Hier geht es um das, was davor kommt: den Weg dorthin.
Wilsons Nummer-eins-Erfolgsfaktor, und er wiederholt ihn im Vortrag mehrfach: in die Tiefe gehen. Nicht KI breit verstehen, sondern KI für die Lösung eines Problems meistern. Problemorientierung sei der springende Punkt, nicht Technologiebreite.
Der Einstieg: erst der Sprung, dann der Plan
Wilson erzählt seinen eigenen Start ungeschönt. Angestellt in Berlin, jeden Tag im Büro, das er nach eigenen Worten komplett gehasst hat. Wenig Gestaltungsspielraum, schlecht verdient, jeden Tag an der Vision von jemand anderem gearbeitet. Dazu, sagt er ganz offen, erheblicher Selbstzweifel: noch nie selbstständig gewesen, keine Ahnung, wie das funktionieren soll. Der Drang war größer. Im Mai 2022 hat er gekündigt, ohne Plan, was als Nächstes kommt, ist erst mal ein paar Monate reisen gegangen.
Im November 2022 hat er sich selbstständig gemacht — mit KI, weil ihn das Thema seit dem Psychologiestudium nicht mehr losgelassen hatte. Zwei Wochen später kam ChatGPT heraus. Legendäres Markttiming, sagt er selbst, und er sagt auch dazu, dass es nicht sein Verdienst war. Was danach kam, war weniger glamourös: Projekt für Projekt, ein paar davon richtig gescheitert. Das tut ihm bis heute weh, sagt er. Erst über Monate hat sich herausgeschält, wie man mit diesen Modellen wirklich Wert schöpft.
Wichtig, weil es oft anders gelesen wird: Wilson empfiehlt seinen eigenen Kaltstart ausdrücklich nicht als Blaupause. Du musst deinen Job nicht kündigen, sagt er — um Gottes willen. Klüger sei der Einstieg in Stages, also nach und nach, nebenberuflich. Einer seiner eigenen Fallbeispiele macht es genau so.

Positionierung: die Formel aus drei Zutaten
Nische, Nische, Nische. So überschreibt Wilson das Erfolgsgeheimnis, das ihn nach eigener Aussage am meisten Zeit gekostet hat, bis er es verstanden hatte. Mindestens ein Jahr lang hat er für jeden Kunden etwas komplett anderes gemacht: juristische Finanzdienstleister beraten, Prompts für Softwareunternehmen entwickelt, Schulungen für Marketing-Abteilungen gehalten. Alles über einen Haufen, wie er sagt, und jedes Mal wieder bei null gestartet. Über die Runden kam er damit. Vom Fleck kam er nicht.
Die Positionierung, die es dann drehte, beschreibt er als Verbund aus drei Dingen, die zusammenkommen müssen:
- Deine Stärken und Vorerfahrung: Was du gelernt oder jahrelang gemacht hast, ist kein Ballast, sondern der Startvorteil. KI ist eine Allzweck-Technologie und diffundiert in jeden Bereich — auch in deinen.
- Ein Anwendungsfall mit Hebel: Spezialisiere dich dort, wo die Lösung real viel Geld oder Zeit kostet und KI sie in hoher Qualität lösen kann. Bei Wilson selbst war das die Erstellung von Werbetexten.
- Eine Zielgruppe mit Kaufkraft: Entwickelst du Lösungen für eine Zielgruppe ohne Budget, kann sie dich für deine Leistung schlicht nicht bezahlen. So nüchtern formuliert er es.
Diese drei zusammenzubringen sei ein bisschen Kunst, räumt er ein. Gelingt es, steht dem Erfolg aus seiner Sicht wirklich nichts mehr im Weg — er nennt das dann eine goldene Positionierung. Seine eigene war übrigens sehr eng geschnitten: Prompting für Copywriting für Marketingagenturen. Damit wurde er, wie er es nennt, zum Nummer-eins-Experten in seiner Nische.
Drei Achsen, auf denen du dich spezialisieren kannst
Wer „Nische" hört, denkt oft sofort an Branche. Wilson macht drei Achsen auf, und du musst dich nur auf einer davon wirklich festlegen:
- Branche: KI im Gesundheitswesen, KI in der Baubranche, KI für Immobilienmakler — die Fachlogik der Branche ist dann dein Unterscheidungsmerkmal.
- Geschäftsbereich: KI im Vertrieb, im Marketing, in der Programmierung, im Kundensupport. Der Prozess ist über Branchen hinweg ähnlich, deine Expertise damit übertragbar.
- Technologie: Der Experte für Voice-KI, für Bild-KI, für Text-KI. Eine Technologie tief zu beherrschen, reicht als Positionierung völlig aus.
Der LinkedIn-Test: würde man dich buchen?
Ob eine Positionierung trägt, prüft Wilson an einem denkbar profanen Ort: dem eigenen LinkedIn-Profil. Er stellt zwei Formulierungspaare gegenüber, und der Unterschied ist sofort hörbar.
- Zu generisch: „Ich automatisiere deine Prozesse mit KI." Liest man laut Wilson andauernd — und man weiß danach weder, für wen es gedacht ist, noch was es bringt.
- Klipp und klar: „Ich automatisiere Schadensmeldungen für Hausverwalter, um bis zu 80 Prozent Zeitersparnis zu erzielen und die Mieterzufriedenheit zu erhöhen." Zielgruppe und Nutzen stehen im selben Satz.
- Zu generisch: „Experte für Kreativität und KI, Workshops, Beratung, Keynote." Könnte alles für jeden bedeuten, sagt Wilson — dieses Beispiel hat er direkt von LinkedIn gezogen.
- Klipp und klar: „Ich mache Marketing-Teams und Agenturen zu Bild-KI-Profis." Eine Technologie, eine Zielgruppe, fertig.
Sein Seitenhieb an dieser Stelle ist milde, aber deutlich: Es sei schon bemerkenswert, wie viele sich inzwischen als KI-Experten bezeichnen, die vor einem halben Jahr etwas komplett anderes gemacht haben. Wer noch nie ein reales Problem für einen Kunden mit KI gelöst hat, sollte den Titel aus seiner Sicht auch nicht führen. Genau deshalb ist die Lücke aber offen: Anwender mit echter Projekterfahrung gibt es wenige.
Sichtbarkeit: wie der erste große Auftrag zustande kam
Sichtbarkeit in der Nische ist für Wilson der Hebel, der aus einer guten Positionierung Umsatz macht. Wie das praktisch aussieht, erzählt er an einem Vortrag, den er vor Führungskräften und Vorständen mittelständischer Unternehmen gehalten hat — kostenlos, Thema Prompting. Direkt danach kamen mehrere Teilnehmer auf ihn zu: Kannst du uns helfen?
Einem davon schickte er ein Angebot: ein Kick-off-Workshop, danach zwölf Folgetermine, abzüglich Skonto in Summe 31.500 Euro. Nach seiner Darstellung kam die Zusage praktisch umgehend zurück. So schnell gehe das, sagt er — nicht als Versprechen, sondern als Beleg dafür, wofür ein einziger sichtbarer Auftritt in der richtigen Nische gut sein kann. Werde sichtbar in deiner Nische, dann erarbeitest du dir deine Vorreiterposition sehr schnell: Das ist seine Empfehlung, und er sagt dazu, es habe sich bei ihm wahnsinnig bezahlt gemacht.
Fünf Quereinsteiger, fünf Startpunkte
Die vielleicht nützlichste Passage des Vortrags sind die Beispiele aus Wilsons eigener Ausbildungsgruppe. Kein einziger davon kommt aus der Informatik:
- Freiberuflicher Werbetexter: Macht heute KI-Beratung und Schulung für Marketing-Teams — die alte Disziplin ist zur Nische geworden.
- Hochschullehrerin für Deutsch und Geschichte: Heute KI-Beauftragte ihrer Schule und daneben selbstständige KI-Beraterin für private Hochschulen.
- 23 Jahre im selben Unternehmen angestellt: Hat ein eigenes KI-Startup gegründet und einen Fördermittelpreis gewonnen. Von ihm stammt das Hausverwalter-Beispiel weiter oben.
- Prozessbeauftragter: Bleibt angestellt, weil ihm die Arbeit Freude macht, und ist nebenberuflich selbstständig als Speaker und Dozent für KI-Prozessautomatisierung.
- Technische Redakteurin: Arbeitet heute in der KI-Prozessautomatisierung, ohne vorher je programmiert zu haben. Das könne wirklich jeder lernen, sagt Wilson.
Der gemeinsame Nenner ist nicht der technische Hintergrund, sondern die Verbindung aus Vorerfahrung und einem klar benannten Anwendungsfall. Genau die Formel von oben, einmal in fünf Varianten.
Nicht allein: der Umweg ist das Teuerste
Am Anfang, sagt Wilson, sei es super einsam gewesen. Eine Handvoll Leute in Deutschland, niemand, mit dem man Ideen durchsprechen konnte, entsprechend begrenzt der Überblick über den Markt. Nach sechs, sieben Monaten auf eigene Faust hat er gemerkt, dass er an seine Grenzen kommt — er wusste schlicht nicht, wie man ein Unternehmen aufbaut. Also hat er sich 10.000 Euro geliehen, die er nicht hatte, und ein Coaching gekauft. Danach, sagt er, fing es an zu laufen.
Über die zwei Jahre danach hat er nach eigenen Angaben mehr als 40.000 Euro in Coachings investiert, aus einem sehr pragmatischen Grund: um Zeit zu sparen. Eine Stunde mit neun oder zehn klugen Leuten bringe ihn weiter als eine Woche allein im stillen Kämmerlein, und nebenbei sieht er über deren Branchen den ganzen Markt. Wer den Einstieg strukturiert angehen will, findet in unserer Übersicht zur KI-Weiterbildung für Unternehmer die Formate dafür.
„Warum selber machen, wenn du es nicht machen musst?" — Wilsons Empfehlung an alle, die vor dem Schritt stehen: erfahrene Ausbilder suchen, die den Weg schon gegangen sind. Selbstständigkeit sei ein Prozess mit Ups und Downs, den man nicht allein mit seinen Zweifeln durchlaufen muss.

Häufige Fragen
Wie wird man KI-Berater?+
Über drei Schritte: KI für ein konkretes Problem in der Tiefe beherrschen, damit ein relevantes Problem für eine zahlungsfähige Zielgruppe lösen und diese Lösung anbieten. Entscheidend ist laut Garrit Wilson die Positionierung — die Verbindung aus eigener Vorerfahrung, einem Anwendungsfall mit großem Hebel und einer Zielgruppe mit Kaufkraft.
Braucht man eine Ausbildung oder Zertifizierung, um KI-Berater zu werden?+
Der Titel ist nicht geschützt. Wilsons Maßstab ist ein anderer: Wer noch nie ein reales KI-Projekt für einen Kunden umgesetzt hat, sollte sich seiner Ansicht nach nicht Experte nennen. Praxisnachweis vor Titel — in seiner eigenen Ausbildung ist deshalb ein echtes Praxisprojekt Pflicht vor dem Abschluss.
Kann ich nebenberuflich KI-Berater werden?+
Ja, und Wilson empfiehlt genau das ausdrücklich. Man müsse seinen Job nicht kündigen, sondern solle den Schritt in Stages gehen, also nach und nach. Eines seiner Fallbeispiele ist ein Prozessbeauftragter, der angestellt bleibt und nebenberuflich als Speaker und Dozent für KI-Prozessautomatisierung arbeitet.
Wie finde ich meine Nische als KI-Berater?+
Über drei Zutaten, die zusammenkommen müssen: deine Stärken und Vorerfahrung, ein Anwendungsfall mit großem Hebel (die Lösung kostet heute viel Zeit oder Geld) und eine Zielgruppe mit Kaufkraft. Spezialisieren kannst du dich dabei auf eine Branche, einen Geschäftsbereich oder eine Technologie — eine dieser Achsen genügt.
Wie komme ich als KI-Berater an die ersten Kunden?+
Über Sichtbarkeit in der eigenen Nische. Garrit Wilson beschreibt einen kostenlos gehaltenen Vortrag vor Führungskräften mittelständischer Unternehmen, aus dem direkt mehrere Anfragen und ein angenommenes Angebot über 31.500 Euro entstanden. Sichtbarkeit in einer klar benannten Nische wirkt stärker als eine breite Selbstbeschreibung.
Braucht man Programmierkenntnisse als KI-Berater?+
Für Beratung, Schulung und No-Code-Automatisierung nicht. In Wilsons Beispielen arbeitet unter anderem eine frühere technische Redakteurin heute in der KI-Prozessautomatisierung, ohne vorher je programmiert zu haben.
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