OGcon
Ratgeber
15. Juli 2024

Mit KI neue Produktideen entwickeln

Genau, also – wenn Jenny Habermehl über KI in der Produktentwicklung spricht, dann nicht darüber, dass man ihr ein Stichwort hinwirft und hinten kommt fertig ein Produkt raus, sondern darüber, dass man Schritt für Schritt vorgeht, Stück für Stück, und der KI eben nicht alles auf einmal überlässt. Wie das konkret aussieht, zeigt sie an einem intelligenten Pflanzentopf: von den ersten Fragen über Bildentwürfe mit Midjourney bis zum Namen Cocoon und den ersten Logo-Ideen. Ein Werkzeug mit Regeln, kein Zauberkasten – und genau darum geht's.

KI in der Produktentwicklung – Entwurfsprozess für ein neues Produkt mit generativer KI

Kein Einhorn, sondern ein Werkzeug mit Regeln

Jenny Habermehl ist freiberufliche Grafikdesignerin, Kreativdirektorin und Fotografin, und sie beschäftigt sich schon seit 2019 mit generativer KI und Kreativität – erst in ihrer Masterarbeit, dann in ihrem Buch „KI für Kreative“, und in ihrem Vortrag räumt sie als Erstes mit einem Bild auf, das total verbreitet ist, nämlich dass generative KI irgendwie ein Einhorn ist, ein Fantasiewesen, bei dem man vorne was eingibt und hinten kommt magisch was raus. Ist es nicht. Das Ganze basiert auf Regeln und Prinzipien, auf Algorithmen, die mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten – nicht mit allumfassendem Wissen.

Und genau deshalb halluziniert KI ja auch mal und präsentiert Antworten total selbstbewusst, obwohl sie schlicht falsch sind. Für die Produktentwicklung heißt das: KI ist ein Werkzeug, das man führen muss. Kein Orakel, dem man blind vertraut. Wer wissen will, welche Tool-Kategorien dahinterstecken, findet einen Überblick unter KI-Tools für Unternehmen.

Der Prozess zuerst, dann das Tool

Bevor überhaupt ein Tool zum Einsatz kommt, rät Habermehl, sich erstmal den eigenen Prozess anzuschauen: Was sind eigentlich unsere Schritte, was brauchen wir wirklich – und nicht, was macht gerade zufällig jemand anders mit KI. Denn, und das ist ihr sehr, sehr wichtig: Ein schlechter Prozess bleibt ein schlechter Prozess, auch wenn man ihn mit KI digitalisiert.

Sie unterscheidet zwei Wege, KI sinnvoll einzubinden, und zwar so: Der prozesszentrierte Ansatz eignet sich für wiederkehrende Abläufe, so ein Kreativbriefing zum Beispiel, das sich zum Teil automatisieren lässt. Der problemorientierte Ansatz dagegen setzt an einer konkreten Fragestellung an – ein Bild, das nicht passt, ein Text, der einfach nicht funktioniert – und sucht sich gezielt das passende Werkzeug dafür. Und KI ist da nicht immer die Antwort, ne. Manchmal ist der Griff zu Photoshop schlicht schneller.

„Ein mieser Prozess bleibt ein mieser Prozess, auch wenn man ihn mit KI macht.“ – Jenny Habermehl

Mit generativer KI erstellte Entwürfe eines intelligenten Pflanzentopfs in Holz und Glas

Das Fallbeispiel: der intelligente Pflanzentopf

Wie das konkret aussieht, zeigt Habermehl am liebsten an einem durchgängigen Beispiel, und das ist bei ihr ein intelligenter Pflanzentopf für Pflanzenliebhaberinnen und Pflanzenliebhaber. Statt selbst loszulegen, hat sie erstmal die KI 15 Fragen stellen lassen, die durch den Prozess einer Produktentwicklung führen: Welches Problem löst der Topf überhaupt? Wie ist die Zielgruppe genau definiert? Wie grenzt sich das Produkt von bestehenden Lösungen ab? Und was ist eigentlich das Alleinstellungsmerkmal?

Wichtig ist ihr dabei aber eine Einschränkung, und die ist sehr, sehr wichtig: Das funktioniert vor allem dann, wenn man selbst weiß, was ein Produktentwicklungsprozess braucht, und die Fragen dann auch sinnvoll selektieren kann. Wer in einem Bereich fachfremd ist, bekommt auch mit KI keine Höchstleistung. Wer die Prozesse kennt, kann damit dagegen wirklich gute neue Ideen entwickeln.

Mit generativer KI erstellte Entwürfe eines intelligenten Pflanzentopfs in Holz und Glas

Danach ging's in die Bildgenerierung mit Midjourney, und zwar so: verschiedene Materialien durchgetestet, Holz, Glas, ein Wassertank seitlich integriert, dazu ein Ambient-Light-Element, das nebenbei vielleicht sogar UV-Licht für die Pflanzen liefert, und ein Smartphone im Bild, das direkt eine App-Anbindung andeutet. Genau in diesem Schritt geht es fürs Erste gar nicht um die perfekte Lösung, sondern ums Experimentieren und Ausprobieren – auch mal raus aus der eigenen Komfortzone.

Von der Selektion zum Namen: Cocoon

Nach dem Sammeln kommt dann die Selektion, angelehnt ans Design Thinking, und Habermehl lässt die KI dafür auch mal die Perspektive wechseln: Wie würde eigentlich ein Kind das Produkt beurteilen? Und dieser Blickwinkel zwingt einen dazu, alles einfacher zu erklären, statt kompliziert zu denken. Für die Konzeption hat sie sich außerdem noch eine Einschätzung von Gemini geben lassen – positive und negative Aspekte, Prognosen, zusätzliche Punkte – um einen objektiveren Blick auf das eigene, sonst ja sehr involvierte Projekt zu bekommen.

Für den Namen hat sie sich zehn Vorschläge generieren lassen, und am Ende blieb Cocoon hängen. Warum? Weil ein Kokon für sie auch etwas Schützendes ausstrahlt, und das passt zum Produkt. Aus diesem Namen heraus entstanden dann mit Midjourney erste Logo-Ideen – nicht perfekt umsetzbar, aber als Inspiration für verschiedene Gestaltungsansätze total brauchbar.

Mit KI generierte Logo-Ideen für das Produktkonzept Cocoon
  • Ideation: Herausforderungen und Chancen sammeln, KI als zusätzlicher Impulsgeber – hier darf erstmal alles sein.
  • Selektion: Die vielversprechendsten Konzepte bewerten, Machbarkeit prüfen, Perspektiven wechseln.
  • Prototyping: Erste Entwürfe entwickeln und mit der Zielgruppe testen.
  • Kreation & Umsetzung: Name, Logo, Design, Marketing – bis zum Launch von Produkt oder Dienstleistung.

Was KI in der Produktentwicklung nicht ersetzt

So sehr sich Habermehl für das Thema begeistert, so klar zieht sie auch die Grenze, und die ist ihr wichtig: KI kann Kreativprozesse ergänzen und beschleunigen, aber sie ersetzt sie nicht. Ihre eigene Recherche- und Ideenfindungsphase kürzt sie deshalb bewusst nicht mit KI ab, denn für sie entstehen die eigentlichen Ideen genau in diesem Prozess des Sammelns und Aufnehmens von Informationen. KI nutzt sie eher, um das zu ergänzen – eine Perspektive, die sie selbst übersehen hätte.

Ihr Rat an Unternehmen: neue Tools nicht einfach den Mitarbeitenden vor die Tür stellen, sondern vorher fragen, was sie wirklich brauchen, und dann Schritt für Schritt in den bestehenden Workflow einbinden, Stück für Stück – und nicht eine ganze Kette an Aufgaben auf einmal mit KI umsetzen wollen. Das geht schief. Ein Workflow muss nämlich auch ohne KI funktionieren; KI ergänzt ihn, aber sie ersetzt ihn nicht.

„KI hilft uns nicht nur bei unserer Arbeit, sondern die Arbeit mit KI hilft uns immens, klarer über unsere Gedanken und Ideen zu werden.“ – Jenny Habermehl

Mit KI generierte Logo-Ideen für das Produktkonzept Cocoon

Häufige Fragen

Wie kann KI bei der Produktentwicklung helfen?+

Vor allem in der Ideenfindung, bei ersten visuellen Entwürfen und beim Schärfen der Zielgruppe. Jenny Habermehl lässt sich zum Beispiel gezielte Fragen zur Produktidee stellen, testet Materialien und Varianten mit Bildgeneratoren und holt sich eine zusätzliche, objektivere Einschätzung zum Konzept ein.

Ersetzt KI den klassischen Produktentwicklungsprozess?+

Nein. Laut Jenny Habermehl kann KI Kreativprozesse ergänzen und beschleunigen, aber nicht ersetzen. Grundlage bleibt weiterhin ein funktionierender Prozess – der muss auch ohne KI laufen.

Was ist das Pflanzentopf-Beispiel von Jenny Habermehl?+

Ein durchgängiges Fallbeispiel aus ihrem Vortrag: ein intelligenter Pflanzentopf für Pflanzenliebhaber, den sie mit KI von der ersten Fragestellung über Bildentwürfe mit Midjourney bis zum Namen Cocoon und ersten Logo-Ideen durchentwickelt hat.

Welche KI-Tools eignen sich für erste Produktentwürfe?+

Habermehl arbeitet unter anderem mit Textmodellen wie ChatGPT oder Gemini für Fragen, Zielgruppenprofile und Einschätzungen sowie mit Bildgeneratoren wie Midjourney für erste visuelle Entwürfe und Materialtests.

Worauf sollten Unternehmen beim KI-Einsatz in der Produktentwicklung achten?+

Erst klären, was Mitarbeitende und Prozesse wirklich brauchen, dann Schritt für Schritt in den Workflow einbinden – nicht die ganze Prozesskette auf einmal umstellen. Und: KI ersetzt keinen schlechten Prozess, sie macht ihn höchstens schneller schlecht.

Sei bei der nächsten OGcon wieder dabei.

Trag dich in die Warteliste ein und erfahre als Erste:r, sobald die nächste OGcon startet.

Mit dem Eintragen willigst du ein, dass dich die Veranstalter der OGcon — Benno Siebern (MetaWelten) und Markus Habermehl (Pundamilia Marketing OÜ) — per E-Mail über die nächste Ausgabe informieren. Abmeldung jederzeit über den Link in jeder E-Mail. Mehr dazu in der Datenschutzerklärung.

Auf die Warteliste →