OGcon
Ratgeber
15. April 2024

Deepfakes erkennen: woran man KI-Bilder entlarvt

Das kann keine Software allein. Deepfakes erkennen heißt, so beschreibt es [Patrick Markowski](/speaker/patrick-markowski), Head of Technology bei Bild, eben nicht: ein Tool füttern und auf grünes Licht warten, sondern klassisches journalistisches Handwerk – Rückwärtssuche, Abgleich von Wetter, Uhrzeit, Schattenwurf, und die unbequeme Frage, ob mehrere angeblich unabhängige Quellen wirklich unabhängig sind oder sich nur gegenseitig stützen, weil jemand genau das so geplant hat. Woran scheiterte dann ausgerechnet der Versuch, mit dieser Masche fast ganz Deutschland zu täuschen?

Deepfakes erkennen in Medien und Journalismus – KI-generiertes Bildmaterial wird geprüft

Der Reichstag-Fake: eine koordinierte Deepfake-Kampagne

Am 30. April 2023 verbreitete ein Künstlerkollektiv eine Behauptung, die – auf den ersten Blick fast zu absurd, um zu funktionieren, und genau deshalb tückisch – für Aufruhr sorgen sollte: Auf dem Reichstag in Berlin wehe eine sowjetische Fahne. Markowski, Head of Technology bei Bild bei Axel Springer, beschreibt den Fall auf der OGcon als eines der eindrücklichsten Deepfake-Beispiele aus seiner Praxis. Der Grund: kein einzelnes Foto, keine einzelne Fälschung, die man mal eben widerlegt.

Belegt wurde die Behauptung nämlich mit einer ganzen Reihe an Fotos und Videos, die – als hätte man ein Alibi wasserdicht konstruiert – exakt zueinanderpassten: Aufnahmen aus einem Reisebus, Menschen davor, mehrere Perspektiven auf dieselbe angebliche Szene. Schöne neue Welt. Genau diese Vielzahl an sich gegenseitig bestätigenden Bildern machte die Fälschung laut Markowski wahnsinnig überzeugend, ein Aufwand, den man mit einem einzelnen, schnell entlarvten Fake-Bild nie erreicht hätte.

Warum Multi-Foto-Kampagnen schwerer zu entlarven sind als Einzelbilder

Ein einzelnes verdächtiges Foto? Vergleichsweise schnell geprüft, per Rückwärtssuche, am Fehlen von Kontext, fertig. Koordinierte Kampagnen mit mehreren zusammenpassenden Aufnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln sind ein ganz anderes Kaliber, weil sie – und das ist im Grunde die eigentliche Pointe des Falls – genau die Art von Redundanz erzeugen, die im Journalismus sonst als Bestätigung gilt: Zeigen mehrere "unabhängige" Quellen dasselbe, hätte man das früher fraglos als Beleg für Echtheit gewertet.

Trotzdem fiel kein deutsches Medium auf die Reichstag-Fälschung herein. Warum nicht? Weil der entscheidende Hinweis nicht im Bild selbst lag, sondern in einem Detail am Rand, das leicht zu übersehen gewesen wäre, wenn niemand genau hingeschaut hätte: Das Wetter an dem Tag passte absolut nicht zu dem, was im Hintergrund der angeblichen Aufnahmen zu sehen war. Wetterlage, Tageszeit, Schattenwurf – solche Unstimmigkeiten bleiben, sagt Markowski, das Wörtchen noch ein zentrales Werkzeug gegen auch professionell wirkende Fälschungen.

Redaktion verifiziert verdächtiges Bildmaterial am Bildschirm

Warum keine Software allein Deepfakes zuverlässig erkennt

Gibt es eine Software, die einem ganz klar sagt: gefälscht oder echt? Nein – jedenfalls nicht zuverlässig, nicht heute, und, wie Markowski mit einem Achselzucken anfügt, das Wörtchen noch nicht. Automatische Erkennungstools existieren, liefern Hinweise, taugen als erster Filter, aber sie ersetzen die eigentliche Recherche nicht, schon gar nicht bei aufwendig produzierten, koordinierten Fälschungen wie der Reichstag-Kampagne.

Was stattdessen zählt: das klassische Handwerkszeug des Journalismus, Quellen abgleichen, Kontext prüfen, Widersprüche suchen – im Grunde nichts, das erst mit KI entstanden wäre, nur jetzt mit höherem Einsatz. Bei einem anderen, deutlich simpleren Fall aus seinem Vortrag reichte schon eine einfache Google-Rückwärtssuche, um ein KI-generiertes Foto von einem echten zu unterscheiden und sogar den KI-Künstler dahinter aufzuspüren. Nicht jede Fälschung ist eben so aufwendig wie die Reichstag-Aktion.

Die Konsequenz für Redaktionen ist relativ nüchtern: Automatische Tools taugen als erster Filter, ersetzen im Zweifel aber nicht die eigentliche Verifikation durch Menschen, die Quellen, Kontext und Details gegeneinander prüfen.

Der größere Kontext: KI, Urheberrecht und die Beziehung zu den Tech-Konzernen

Deepfakes sind für Markowski, das betont er ausdrücklich, nur eines von mehreren Risiken, die generative KI für den Journalismus mit sich bringt, neben einer Content-Flut, die Redaktionen kaum noch sortiert bekommen, und Urheberrechtsfragen, die – trotz jahrelanger Debatte – das Wörtchen noch längst nicht geklärt sind. Als prominentestes Beispiel verweist er auf den Rechtsstreit zwischen der New York Times und OpenAI. Axel Springer selbst ging einen anderen Weg: eigener Vertrag mit OpenAI, statt Klage.

Was heißt das für die Verifikationsarbeit? Im Grunde dies: Je enger Medienmarken und KI-Anbieter zusammenarbeiten, desto eher fließt auch Wissen über Erkennungsmerkmale und Kennzeichnungsstandards in beide Richtungen, sozusagen als Nebeneffekt einer Partnerschaft, die eigentlich aus ganz anderen Gründen geschlossen wurde. Einen Überblick über den Rahmen, in dem sich Unternehmen dabei bewegen, gibt der Themen-Guide Künstliche Intelligenz im Unternehmen.

Was das für Redaktionen und Unternehmen bedeutet

Die Reichstag-Kampagne zeigt ein Muster, das sich wiederholen wird, und zwar – da macht sich Markowski nichts vor – mit steigendem Aufwand auf der Fälscherseite: Je überzeugender und koordinierter eine Fälschung aufgebaut ist, desto weniger reicht ein schneller Blick oder ein einzelnes Tool. Verifikation bleibt Recherchearbeit. Quellen, Kontext, Details – gegeneinander geprüft, nicht auf eine einzelne Software oder ein einzelnes Bild verlassen. Das gilt heute. Und mit fortschreitender Technik, sagt Markowski nüchtern, gilt es morgen das Wörtchen noch ein Stück mehr.

Weder alarmistisch noch euphorisch, so fällt Markowskis Fazit aus: Kein Werkzeug nimmt einem das Urteil ab, doch der Mensch und die KI zusammen – automatische Filter plus geschulte Recherche – bleiben aufwendigen Fälschungen unschlagbar überlegen. Wer sein Team im Umgang mit KI und den Risiken generativer Inhalte schulen will, findet praxisnahe Impulse in der KI-Weiterbildung der OGcon. Für alltägliche Betrugsmaschen wie Stimmklon-Anrufe oder Phishing-Mails lohnt sich zusätzlich der Ratgeber Deepfake erkennen.

Google-Rückwärtssuche zur Prüfung eines KI-generierten Bildes

Häufige Fragen

Wie erkennt man Deepfakes zuverlässig?+

Nicht mit einer einzelnen Software, sondern durch journalistische Recherche: Rückwärtssuche, Abgleich von Details wie Wetter, Tageszeit oder Schattenwurf, und die Prüfung, ob mehrere angeblich unabhängige Quellen tatsächlich zusammenpassen oder Widersprüche enthalten.

Was war die Reichstag-Deepfake-Aktion vom 30. April 2023?+

Ein Künstlerkollektiv verbreitete Fotos und Videos, die belegen sollten, dass eine sowjetische Fahne auf dem Reichstag weht. Die Fälschung stützte sich auf mehrere zueinander passende Aufnahmen aus unterschiedlichen Perspektiven, nicht nur auf ein einzelnes Bild – kein deutsches Medium fiel darauf herein, weil das gezeigte Wetter nicht zum tatsächlichen Wetter an dem Tag passte.

Warum sind Multi-Foto-Kampagnen schwerer zu entlarven als einzelne Fake-Bilder?+

Weil mehrere zusammenpassende Aufnahmen aus verschiedenen Blickwinkeln genau die Redundanz erzeugen, die im Journalismus normalerweise als Bestätigung für Echtheit gilt. Ein einzelnes Bild lässt sich dagegen oft schon per Rückwärtssuche schnell prüfen.

Gibt es Software, die Deepfakes zuverlässig erkennt?+

Nein. Laut Patrick Markowski (Bild, Axel Springer) gibt es keine einzelne Software, die verlässlich sagen kann, ob etwas gefälscht ist. Automatische Tools können erste Hinweise liefern, ersetzen aber nicht die journalistische Verifikation durch Menschen.

Was hat der Streit zwischen New York Times und OpenAI mit Deepfakes zu tun?+

Direkt nichts, aber er zeigt das ungeklärte Verhältnis zwischen KI-Konzernen und Medienhäusern, das auch die Verifikationsarbeit betrifft. Axel Springer ist mit einem eigenen Vertrag mit OpenAI einen anderen Weg gegangen als die New York Times.

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